Neueste Meldungen des Arbeitskreises Deutsch als Wissenschaftssprache:


Braucht Wissenschaft Mehrsprachigkeit?
Beitrag von Siegfried Gehrmann in der Zeitschrift für Kultur- und Kollektivwissenschaft 7,2 (2021), S. 13-56

 

Der Aufsatz von Siegfried Gehrmann geht den unterschiedlichen Logiken und Begründungszusammenhängen einer anglophonisierten vs. mehrsprachigen Wissenschaft nach. Von besonderer Bedeutung ist dabei die zunehmende Ökonomisierung des wissenschaftlich-universitären Feldes. Diese verändert die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Wissenschaft und führt zu Englisch als einziger globaler Wissenschaftssprache. Um einer mehrsprachigen Wissenschaft wieder zum Durchbruch zu verhelfen, werden einzelne Maßnahmen nicht ausreichen, vielmehr muss das Gesamt der Wissenschaft aus ökonomischen Verwertungsinteressen wieder herausgelöst und auf ihre Eigenlogik, die Erkenntnis- und Wahrheitssuche, zurückgeführt werden. Auf keinen Fall ist die Anglophonisierung der Wissenschaft eine alternativlose Entwicklung, wie es die Ideologeme des Konzepts des English only vorgeben. Diese als hegemonialsprachliche Modelle zu dekonstruieren und zugleich danach zu fragen, wie Englisch als globale Wissenschaftssprache in das Konzept einer mehrsprachigen Wissenschaft integriert werden kann, ist ein weiterer zentraler Aspekt dieses Beitrags.

Eine Besprechung der gesamten Ausgabe der Zeitschrift für Kultur- und Kollektivwissenschaft finden Sie hier.


Peter Finke: „MUT ZUM GAIAZÄN. Das Anthropozän hat versagt"
Neuerscheinung, oekom-Verlag München, 2022

 

In diesem neuen Buch stellt der Wissenschaftstheoretiker Peter Finke bei sehr vielen Wissenschaftlern einen Wirklichkeitsverlust fest, der mit dem Verzicht auf das differenzierteste ihnen zur Verfügung stehende Ausdrucksmittel – ihre Muttersprache - beginne. Eine Besprechung dieses lesenswerten Buches finden Sie hier.


Warum gute Lehre Landessprache braucht
von Olga Rösch

 

Im Informationsbrief des Landesverbands Nordrhein-Westfalen des Hochschullehrerbundes (hlb) vom Dezember 2021 weist die Autorin erneut auf die Bedeutung der Landessprache für die akademische Lehre hin. Lehren und Lernen ausschließlich auf Englisch führt zu einer Reduktion der wissenschaftlichen Durchdringung der Inhalte, zur sozialen und kulturellen Exklusion ausländischer Studenten und letztlich zu einer Gefährdung der Innovationsfähigkeit der Standortes. Hier geht es zu dem Artikel Warum gute Lehre Landessprache braucht.


Sprachliche Wurzeln für die Zukunft der Wissenschaft legen
von Hermann H. Dieter

 

In der Wochenzeitung Der Freitag (Ausgabe vom 15. 12. 2021) ermahnt unser Vorstandsmitglied H.H. Dieter die neue Ampelkoalition, ihrer im Koalitionsvertrag niedergelegten Wortschöpfung "Innovationsökosysteme" auch regionales Leben einzuhauchen. Angesichts der in der Wissenschaft um sich greifenden Englisch-Monokultur bedürften solche auch einer "landessprachlichen Beatmung". Hier geht es zu dem Beitrag.


Positionspapier des Wissenschaftsrates zur Wissenschaftskommunikation - Stellungnahme des ADAWIS

 

In seinem Positionspapier "Impulse aus der COVID-19-Krise für die Weiterentwicklung des Wissenschaftssystems in Deutschland" benennt der Wissenschaftsrat u.a. die in der Krise hervorgetretenen Herausforderungen, die die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit betreffen. Wenn das Papier völlig zu Recht fordert, dass Wissenschaftskommunikation in die Ausbildung unserer Akademiker integriert werden muss, wäre daraus zu folgern, dass auch die Landessprache in der Lehre eine Rolle spielen muss.

Lesen Sie hierzu die ausführliche Stellungnahme des ADAWIS.


Protest gegen diskriminierende Preisauslobung

 

Der Verlag de Gruyter hat einen Preis für die „beste wissenschaftliche Monographie“ junger Altertumswissenschaftler ausgelobt. Bedingung: Texte kommen nur in die Auswahl, wenn sie auf Englisch verfasst sind, es dürfen auch keine Übersetzungen sein.

Dagegen protestierten in einem Offenen Brief über 100 Wissenschaftler weltweit sowie der Vorstand des Philosophischen Fakultätentages. Die Unterzeichner weisen darauf hin, dass englische Muttersprachler damit privilegiert werden. „Nachwuchswissenschaftler in Europa und darüber hinaus“, die eine potenziell „weltweit beste" Arbeit primär nicht auf Englisch verfasst haben und echte Internationalität auch mit Vielsprachigkeit verbänden, würden diskriminiert. Da die aktuelle Ausschreibung es nicht einmal zulässt, eine professionelle Übersetzung einzureichen, seien junge mehrsprachige, aber nicht anglophone Altertumswissenschaftler von der Teilnahme von vorneherein ausgeschlossen.

Den Offenen Brief finden Sie hier:

Der ADAWIS hat sich dem Protest mit einer Pressemeldung angeschlossen.


Das bayerische Hochschulinnovationsgesetz: „English only“auch im grundständigen Studium möglich?

 

Nach einem Grundsatzschreiben des bayerischen Wissenschaftsministeriums aus dem Jahre 2016 konnte ein rein englischsprachiger Studiengang im grundständigen Bereich nur dann genehmigt werden, wenn er parallel auch in deutscher Sprache angeboten wurde. Wissenschaftsminister Bernd Sibler (CSU) erscheint diese „geltende Rechtslage nicht mehr zeitgemäß“, er möchte daher bei der nun anstehenden Novellierung des Bayerischen Hochschulgesetzes auch im grundständigen Bereich fremdsprachige Studiengänge ermöglichen.

Bereits in einem Schreiben vom 30. 9. 2019 an die Präsidien aller staatlichen Hochschulen in Bayern, welches dem ADAWIS vorlag, stellte der Minister diesen „anheim, bereits im Vorgriff auf die beabsichtigte Gesetzesänderung fremdsprachige Studiengänge auch im grundständigen Bereich einzuführen“. Darauf fragte der ADAWIS alle bayerischen Hochschulleitungen, ob sie dem Vorschlag des Ministers folgen werden. Interessanterweise zeigte sich, dass gerade Fachhochschulen und unter diesen eher diejenigen, welche an peripheren Standorten angesiedelt sind, die Pläne des Ministers begierig aufgreifen. Mehr Informationen zu der verfassungsrechtlichen Problematik von Studiengängen, die nicht mehr in der Landessprache studiert werden können, finden Sie hier.

Allerdings forderte der Landtag die bayerische Staatsregierung laut Landtagsdrucksache 18/8462 schon am 17. 6. 2020 dazu auf, mit der Novelle des Hochschulgesetzes dafür zu sorgen, dass Deutsch als Wissenschafts- und Verkehrssprache in allen Studiengängen weiterhin (oder erneut) gebührend und verpflichtend Beachtung findet. Die entsprechende Beschlussvorlage vom 22. 4. 2020 hatte der Ausschuss für Wissenschaft und Kunst des bayerischen Landtages mit den Stimmen von CSU, SPD, B90/Grünen und der Freien Wähler, jedoch gegen die der AfD, in den Landtag eingebracht; die FDP hatte sich im Ausschuss enthalten.

Gegen den nun vorliegenden Gesetzentwurf formierte sich erheblicher Protest von Seiten zahlreicher Verbände. Was die Sprachenpolitik in der Lehre betrifft, meldete sich der ADAWIS mit dieser Stellungnahme zu Wort. Trotz des Drucks, den die Staatsregierung ausübt, wird sich das Gesetzgebungsverfahren noch erheblich in die Länge ziehen - mit noch offenem Ausgang.


Das ist nicht exzellent, das ist ignorant!
Blog-Beitrag des ADAWIS

 

Ein Blog-Beitrag des ADAWIS auf der Seite des bekannten Wissenschaftsjournalisten und -kommunikators Jan-Martin Wiarda zu „English only" an der in Gründung befindlichen Technischen Universität Nürnberg und zu der geplanten Novelle des bayerischen Hochschulgesetzes, die rein englischsprachige Studiengänge im grundständigen Bereich ohne deutschsprachiges Pendant ermöglichen soll, hat eine breite Diskussion ausgelöst.

Lesen Sie hier den Beitrag und zahlreiche scharfsinnige Kommentare!


Schwerpunktheft der Deutschen Universitätszeitung zum Thema Wissenschaftssprache

 

Die Deutsche Universitätszeitung (DUZ) widmet ein Schwerpunktheft dem Thema Wissenschaftssprache (DUZ Wissenschaft & Management, Ausgabe 10/2020, 4. 12. 2020). Zahlreiche Beiträge – auch von mehreren ADAWIS-Mitgliedern – beleuchten die Einführung von Englisch als einziger Lehrsprache an Hochschulen kritisch im Hinblick auf kulturelle, integrationspolitische, kognitive und juristische Gesichtspunkte. Hier die einzelnen Beiträge:

Zwei weitere Aufsätze, die im Rahmen des DUZ-Schwerpunktes (z.T. leicht gekürzt) im Netz veröffentlicht wurden, sind hier in voller Länge verfügbar:

  • Lidia Becker und Elvira Narvaja de Arnoux: Utopie der Universalsprache Englisch – Über Missverständnisse und offene Fragen der Anglophilie an deutschen Hochschulen im internationalen Vergleich
  • Peter Finke und Hermann H. Dieter: Das Anthropozän beenden – Was „English only“ mit der Zukunft der Erde zu tun hat

Wissenschaftskommunikation in Krisenzeiten
Oder: Wer sagt, Deutsch solle als Wissenschaftssprache nicht überleben, sollte wenigstens über ausreichende Englischkenntnisse verfügen.

 

Gerade in Zeiten wie denen der Coronavirus-Pandemie wird deutlich, wie wichtig verständliche Sprache für die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Laienöffentlichkeit ist. Hierbei kann der Virologe Christian Drosten den meisten seiner Kollegen ein Vorbild sein. Seine Fähigkeit, Fakten zu erklären und dabei auch für die Ambiguität wissenschaftlicher Erkenntnis zu sensibilisieren, schafft Vertrauen.

Ein Konflikt brach auf zwischen Drosten und seinem Virologen-Kollegen Kekulé, als letzterer eine Vorab-Veröffentlichung Drostens heftig kritisierte (obwohl er selbst rein gar nichts zu dem Thema publiziert hat). Laut Tagesspiegel vom 29. 5. 2020 schreibt Kekulé, dass Drosten behaupte, die Daten „belegen“, dass Covid-19-infizierte Kinder ähnlich ansteckend wie Erwachsene seien. Im Originaltext schrieb Drosten jedoch – vorsichtig, wie es seriöse Wissenschaft gebietet, die Daten würden „darauf hinweisen“ (englisch „indicate“).

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass sich Kekulé (auch) als scharfer Verfechter für „English only“ in der Wissenschaft hervortut (hier nachzulesen). Offenbar scheinen allerdings seine eigenen Englischkenntnisse nicht weit zu reichen, sonst hätte er das englische Verb „indicate“ nicht so grundlegend falsch auffassen können.

Immer wieder beklagt der ADAWIS ein Absinken der Qualität des wissenschaftlichen Diskurses im Gefolge von „English only“. Kekulés falsche Übersetzung von „indicate“ ist dafür symptomatisch.